Trageerschöpfung, Topline Syndrome, myofasziale Dysfunktion
- Nadine

- 21. Nov. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Nov. 2025
Hier erkläre ich dir, wie ich die Begriffe Trageerschöpfung, Topline Syndrome und myofasziale Dysfunktion verstehe.
Vorne weg kann ich schonmal eines sagen: so unterschiedlich Pferde sind, so unterschiedlich kann sich auch eine Trageerschöpfung äußern! Ursache für eine Trageerschöpfung ist meist ein multifaktorielles Geschehen.
So ist der Beitrag aufgebaut
Ich werde dir zunächst einige Ursachen vorstellen, die du bei deinem Pferd zusätzlich zu einer reinen Trainingsebene im Blick haben solltest. Eine ganzheitliche Herangehensweise ist super wichtig, um wirklich langfristig Erfolg zu haben. Danach werde ich die Begrifflichkeiten kurz vorstellen und ausführlich erklären, wie sich eine Trageerschöpfung am stehenden Pferd zeigen kann. Es müssen dabei nicht alle Merkmale auf einmal vorkommen. Bei eher kompakten Pferden äußert sich eine Trageerschöpfung mitunter anders, als bei einem großrahmigen Sportpferd. Bei Pferden mit hypertoner Muskulatur (hoher Muskeltonus) äußert es sich anders, als bei Pferden mit hypotoner Muskulatur (niedriger Muskeltonus).
dieser Beitrag
Dieser Beitrag beschäftigt sich insbesondere mit einer Betrachtung auf Trainingsebene, bei der die folgenden möglichen Ursachen bereits abgeklärt wurden:
versteckte Lahmheiten
der Zahnstatus
die Hufsituation
organische Ursachen (z.B. Magen und Lunge)
die Haltung
die Raufutterqualität
der Futterzustand
die Herdenzusammenstellung
die Schlafsituation
das Equipment, insbesondere die Sattelpassform
Reiterfehler, Reiterschiefe
usw.
Der Beitrag kann und soll keine tierärztliche Diagnostik ersetzen, bitte wende dich bei aktuten Problemen stets zuerst an deinen Tierarzt!
der Begriff
Zunächst gehe ich auf den Begriff der Trageerschöpfung selbst ein.
Meines Wissens nach hat Tanja Richter den Begriff der Trageerschöpfung geprägt. Eine genaue Definition existiert bisher nicht, so dass jeder diesen Begriff etwas anders interpretiert.
Teilweise wird der Symptomkomplex auch als „Topline Syndrome“ beschrieben.
Ich persönlich mag den Begriff „Trageerschöpfung“ nicht so gerne. Impliziert er doch, dass das Pferd zu viel „getragen“ hat, also mit Reitergewicht belastet wurde. Und dies muss überhaupt nicht zutreffend sein.
Auch ein ungerittenes und untrainiertes Pferd oder auch ein falsch trainiertes Pferd kann unter den Symptomkomplex fallen und da Pferde von der Natur nicht dafür vorgesehen wurden, einen Reiter zu tragen sind sie in der Regel ohne ein entsprechendes Training in den meisten Fällen natürlicherweise nicht tragfähig.
Der Begriff der myofaszialen Dysfunktion wurde nach meinem Kenntnissstand von Veronika von Rohrscheidt geprägt und beschreibt ebenfalls den Symptomkomplex der Trageerschöpfung.
meine Erklärung, wie ich den Begriff verstehe:
Wenn alles im Körpersystem funktioniert wie es soll ist das Pferd in der Lage sich wie ein Wurfzelt innerhalb seiner Körpergrenzen dynamisch aufzuspannen und selbstwirksam zu organisieren. Insbesondere in Bewegung lässt sich diese dynamische Stabilisation sehr gut beobachten, wenn das Pferd scheinbar mühelos dahintrabt, leise auftritt und die Bewegung "bouncig" aussieht. Diese Bewegungsharmonie ist meistens auch von Menschen beobacht- und beschreibbar, die wenig bis nichts mit Pferden zu tun haben. Sie sieht einfach natürlicherweise harmonisch, schön und leicht aus.
In diesem Zustand können (in gewissem Maße) auch Kräfte von außen, wie ein Reiter, auf das System wirken, ohne dass es Schäden davon trägt.
Die Fähigkeit sich so aufzuspannen wird durch ein komplexes Körpersystem ermöglicht, zu dem ich nachfolgend die wichtigsten Punkte der aktuellesten Erklärungs-Modell vorstellen möchte.
der Serratus:

Anders als wir Menschen haben Pferde kein Schlüsselbein. Ihr Rumpf (mitsamt der darin befindlichen Eingeweide und deren Gewicht) ist rein faszial und muskulär zwischen den Vorderbeinen in einer Art Trampolin-Konstruktion aufgehangen.
Die rumpftragende Aufgabe übernimmt zu einem großen Anteil der wichtigste Rumpfträger, der Musculus serratus ventralis (unterer Sägemuskel).
Der Muskel hat zwei Anteile einen halswärtigen Anteil und einen rumpfwärtigen Anteil. Der halswärtige Anteil zieht von den Querfortsätzen des vierten bis siebten Halswirbels zum ventralen Schulterblatt.
Der rumpfwärtige Anteil zieht von den ersten acht bis neun Rippen zum ventralen Schulterblatt.
Der Muskel ist sehnig durchsetzt, was darauf hindeutet, dass er Halte- und Stabilitätsfunktion erfüllen soll und relativ ermüdungsarm arbeitet kann.

die Stabilisationsmuskulatur:
Die Stabilisationsmuskulatur befindet sich überwiegend sehr wirbelsäulennah, denn wie ihr Name schon vermuten lässt, stabilisiert sie die Wirbelsäule dynamisch und somit den ganzen Körper.
die Bewegungsmuskulatur:
Die großen fleischigen Muskeln können wir der Bewegungsmuskulatur zuordnen, ihre Aufgabe ist es vor allem in der Bewegung rhytmisch an- und abzuspannen.
Im Unterschied zur schnell ermüdenden Bewegungsmuskulatur kann die Stabilisationsmuskulatur über lange Zeit ermüdungsarm arbeiten.
die großen Gelenke
Die großen Gelenke (Schultergelenk und Hüftgelenk) übernehmen im Pferdekörper ebenfalls eine wichtige Aufgabe: sie wirken wie große Stoßdämpfer auf die Kräfte und Stöße, die durch die Bewegung auf den Körper wirkt. Sie müssen daher frei beweglich sein, um dieser Aufgabe nachkommen zu können.
Wenns nicht läuft, wie es soll:
Kann das Pferd den M. serratus ventralis und die Stabilisationsmuskulatur nun, warum auch immer, nicht ansteuern, so müssen andere Körpergewebe, insbesondere die Bewegungsmuskulatur einspringen, die für diese Aufgabe nicht geeignet ist.
Wir erinnern uns: die Bewegungsmuskulatur ermüdet schnell.
Verspannungen und kompensatorische Bewegungen sind die Folge und das Pferd befindet sich häufig in einer Art Abwärtsspirale, welche in einer sogenannten myofaszialen Dysfunktion, dem Topline Syndrome oder der sogenannten Trageerschöpfung enden kann.
verschiedene Pferdetypen mit myofaszialer Dysfunktion
Das folgt aus der Verspannung:
Häufig versuchen Pferde eine fehlende Rumpfstabilität durch die unphysiologische Verspannung der Bewegungsmuskulatur auszugleichen.
Besonders häufig kann man den folgenden Kreislauf beobachten:
Da der M. Serratus ventralis und die wirbelsäulennahe Muskulatur ihrer stabilisierenden Aufgabe nicht nachkommen können, versucht das Pferd sich anders zu helfen:

Über eine verspannte Brustmuskulatur versucht das Pferd den Rumpf von unten gegenzustabilisieren. Die verspannte Brustmuskulatur zieht die Vorderbeine des Pferdes eng an den Rumpf und nach innen. Dies führt zu einem von vorne betrachtet engen Stand der Vorderbeine.
Häufig werden dazu noch die Schulterblätter an den Rumpf gepresst und der jeweilige Ellenbogen unter den Rumpf geklemmt.
Die dadurch entstehenden Verspannungen an den Schulterblatträndern (insbesondere M. rhomboideus und M. trapezius) verhindern, dass der Widerrist beim weiteren Training nach oben kommen kann. Zusätzlich kann es durch eine Verspannung im Bereich des M. trapezius es auch zu einer Irritation des Trigeminusnervs kommen (was als mögliche Ursache für idiopathisches Headshaking in Verdacht steht).
Ist der Rumpf abgesackt, muss sich das Pferd über ein Stemmen mit der jeweiligen Vordergliedmaße nach vorne ziehen. Diese Arbeit übernimmt der M. latissimus dorsi. Wird dieser Muskel hyperton, zieht er das Vorderbein nach hinten. Von der Seite betrachtet führt dies zu einem rückständigen Vorderbein. Da der M. latissimus dorsi in die thoracolumbale Faszie (breite Rückenfaszie) übergeht, wird auch diese irritiert und es kommt zu Problemen in der Sattellage.
Das Schultergelenk, das durch das rückständige Vorderbein nichtmehr frei beweglich ist, kann seiner Stoßdämpferfunktion nichtmehr ausreichend nachkommen.
Die Stöße des Vorderbeins in Bewegung müssen von anderen Strukturen aufgefangen werden was, je nach Belastung, zu weiteren Problemen führen kann. Insbesondere Sehnenprobleme entstehen unter einer solchen Belastung häufig, aber auch andere Probleme der distalen Gliedmaße.

Die rückständigen Vorderbeine versucht das Pferd auszugleichen indem es den Kopf auch in Ruheposition höher trägt. Gleichzeitig zieht auch der verspannte M.rhomboideus den Hals nach oben und verhindert in dieser Position, dass sich das Pferd in der Halsbasis anheben kann.
Da der M. latissimus dorsi das Bein nach hinten zieht, muss sich das Pferd zusätzlich mit dem Hals helfen, das Vorderbein in der Bewegung nach vorne zu bringen. Der M. brachiocephalicus wird dadurch zum Bewegen des Vorderbeins mitgenutzt und vermehrt trainiert, so dass der typische „Unterhals“ entsteht und der Hals des Pferdes konkav wirkt. Da der Hals in Extension getragen wird entsteht vermehrt Kompression auf den empfindlichen Übergang von Hals- und Brustwirbelsäule (CTÜ). Diese Dynamik ist besonders ungünstig und hat einen hohen Verschleiß zur Folge, sowie auch unter Umständen die Irritation von Nerven, da hier der Plexus Brachialis (Nervengeflecht welches das Vorderbein ennerviert) betroffen sein kann.

Da der Körper in diesem Zustand in einer Art „Dauerfluchtmodus“ gefangen ist, sind die Pferde häufig auch psychisch sehr angespannt.
Der Rumpf ist nicht korrekt getragen was zumeist ist einer nach vorne hin abfallende Rückenlinie zu erkennen ist. Manche Pferde wirken überbaut. Um hier weiter gegenzustabilisieren zieht das Pferd die Lende nach oben und schiebt nicht selten die Hinterhand unter. Da in Folge die Muskulatur der Hinterhand verspannt, ist häufig auch die Muskulatur rund um das Knie hochgezogen.
In dieser Beschreibung wird auch deutlich, warum es so wichtig ist, eine bereits bestehende Dysfunktion zu lösen, bevor man weiter (egal in welcher Reitweise) trainiert. Sonst trainiert man das Pferd unter Umständen immer weiter in die Extension und verstärkt eine bestehende Abwärtshaltung.
Manche Pferde bringen zudem eher ungünstige Exterieurmerkmale mit, die es ihnen schwieriger machen, in ein physiologisches Bewegungsmuster zu finden.
Du möchtest wissen, ob dein Pferd von einer Trageerschöpfung/ myofaszialen Dysfunktion betroffen ist oder benötigst Unterstützung beim Training mit deinem Pferd? Schreib mir gerne!










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